2. Interplasthilfseinsatz des Teams Berlin in Paraguay – Caring for sharing oder die Geschichte eines wachsenden Hilfsprojektes
04.04.-17.04.2011

Teammitglieder:

  • Dr. Roberto Spierer, FA für Plastische und Ästhetische Chirurgie, FA für Chirurgie
  • Dr. Ulrich Fabian, FA für Plastische und Ästhetische Chirurgie, FA für Chirurgie
  • Dr. Dr. Jürgen Ervens, FA für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
  • Dr. Christoph Bubb, FA für Plastische Chirurgie
  • Dr. Stephan Frantzen, FA für Plastische und Ästhetische Chirurgie, FA für Chirurgie
  • Dr. Michael Langhorst, FA für Anästhesie, leitender Notarzt
  • Dr. Cora Aprijan, Assistenzärztin für Anästhesie
  • Dr. Annett Kleinschmidt, FA für Plastische und Ästhetische Chirurgie, FA für Chirurgie
  • Birgit Grimm, Physiotherapeutin
  • Aileen Conrad, Anästhesieschwester
  • Edith Habereder, OP-Schwester
  • Dr. Sabine Müller, Projektmanagerin

Aus unseren Recherchen war uns bekannt, dass Asunción in einem Sumpfgebiet mit Dengue-Fieber-Mücken liegt und nicht ganz ungefährlich sein soll. Liest man sich in Wikipedia die Geschichte von Paraguay durch, dann sind schnell die Spätfolgen des Exodus nach dem Triple-Allianz-Krieg 1870 und der letzten Diktatur als schlüssige Ursache für die allgemeine Armut ausgemacht, die den einstmals reichsten Staat Südamerikas als eine verwüstete Einöde zurückgelassen hat.

 

Die Universitätsklinik in Asunción, welche wir im Rahmen unserer „Fact-Finding-Mission“ 2009 besichtigten, befindet sich im Zentrum der Altstadt. Sie besteht aus einer losen Aneinanderreihung von Baracken. Jedoch gibt es einen ordentlich strukturierten OP-Saal. Die Basis-Ausstattung des einzigen „Top-Krankenhauses“ im Lande erinnert an den 80er Jahre-DDR-Standard: Brauchbar, funktionstüchtig, aber auf sehr simplem und improvisiertem Niveau. Schnell kristallisierte sich nach Gesprächen mit Vertretern der paraguayanischen Krankenkassen und dem dortigen Gesundheitsministerium heraus, dass besonderer Bedarf an einem Hilfsprojekt der plastisch chirurgischen Rekonstruktion in Ciudad del Presidente el Franco besteht, wo der Anteil nicht krankenversicherter Paraguayanies mehr als 60 % beträgt, insbesondere durch die vornehmlich dort lebende indigene Bevölkerung mit einem Hauptanteil von 40 %.

 

2010 führte unser Interplastteam den Ersteinsatz in Ciudad del Presidente el Franco durch. In 6 Operationstagen operierte es 36 Patienten und erfasste die riesige Bedarfssituation in Form der 110 Patienten, die oft tagelang geduldig auf ihre Erstuntersuchung warteten. Diese Erfahrungen waren die Grundlage für die Planung eines größeren 12-tägigen Einsatzes im gleichen Krankenhaus im Jahr 2011.

 

Das Ziel unseres Einsatzes war:
Soforthilfe durch plastisch chirurgische Operationen bei nicht krankenversicherten paraguayanischen Patienten (vor allem aus den indigenen Tribes der paraguayanischen Regenwaldregionen) mit Brandverletzungen, angeborenen Fehlbildungen sowie erworbenen Defekten.

 

Viele fleißige Helfer, Sponsoren, Projektorganisationen, Reisebüros und Botschafter und die finanzielle Projektteilunterstützung durch Interplast ermöglichten schließlich vom 04.04. bis 17.04.2011 die Umsetzung des Folgeeinsatzes in Ciudad del Este des Presidente el Franco, 500 km entfernt von Asunción, der paraguayanischen Hauptstadt.
Recherchen bei Wikipedia und Originalerfahrungen vor Ort ist zu entnehmen, dass Ciudad del Este des Presidente el Franco als zweitgrößte Stadt Paraguays ein Schmugglermekka nahe der brasilianischen Grenze ist, bekannt geworden durch die dort erfundene „Raubkopie“.

 

Unser Team reiste nahezu zeitgleich in Ciudad del Este des Presidente el Franco am 04.04.2011 an. Und nicht nur das: Es konnte im Vorfeld mit der Lufthansa und TAM ausgehandelt werden, dass unser medizinisches Equipment als Übergepäck kostenlos mitreisen durfte. Unsere fleißigen Teammitglieder trieben hartnäckig alles notwendigen OP- und Anästhesie-Materialien auf, entweder durch Privatspenden oder durch Spenden unserer Krankenhäuser. Unsere spanischsprachigen Kollegen, Dr. Roberto Spierer und Dr. Sabine Müller hatten im Vorfeld über 11 Monate geduldig mit dem paraguayanischen Gesundheitsministerium und der deutsch-paraguayanischen Außenhandelskammer kommuniziert, so dass der südamerikanische Zoll problemlos passiert werden konnte.

 

Nach Ciudad del Este des Presidente el Franco gelangt man über Sao Paulo im Rahmen eines Stopovers oder via Sao Paulo nach Foz de Iguacu, dem brasilianischen Grenzort zu Ciudad del Este, aus welchem ein Teil des Teams mit einem Landrover abgeholt wurde. Der andere Teil des Teams flog direkt nach Ciudad del Este mit den zollpflichtigen Medikamenten und Instrumenten.

 

Die dortige Klinik, bestehend aus mehreren simplen Barackeneinheiten, die wir bei unserem Ersteinsatz vorgefunden hatten, verfügte mittlerweile über 16 offizielle Betten in 4 Zimmern, die wir nicht zuletzt durch unseren Ersteinsatz auf 20 ausdehnen konnten. Insgesamt besteht das Krankenhaus aus einer Notaufnahmebaracke und einer Sprechstundenbaracke, in der pädiatrische, chirurgische und internistische Abteilung im Wechsel Sprechstunden für die Bevölkerung anbieten. Die Operationsbaracke besteht aus 2 funktionsfähigen OP-Sälen mit einfachem, funktionsfähigem Equipment und seit unserem Ersteinsatz funktionstüchtigem Narkosegerät. Der dortige ärztliche Leiter der chirurgischen Abteilung, Dr. Carlos Wattiez, gab bekannt, dass dort lediglich kleine allgemein- und unfallchirurgische Eingriff neben den geburtshilflichen Operationen durchgeführt würden. Aufgrund der mangelnden Ausbildung des dortigen Personals, bestehend aus 2 weiteren chirurgischen Assistenzärzten, die vornehmlich in der Notaufnahme eingesetzt sind, blieben die OP-Kapazitäten bis 2010 weitestgehend ungenutzt. Seit unserem Ersteinsatz wurden jedoch auch die chirurgischen Eingriffszahlen erhöht. Anästhesisten würden nach Bedarf aus anderen Kliniken abgerufen.

 

In den ersten Tagen suchte uns eine überwältigende Zahl von 180 Patienten in Begleitung ihrer kompletten Familien auf. Darunter befanden sich viele Angehörige der indigenen Bevölkerung aus den Tribes der angrenzenden Regenwaldregionen, die in der Regel nicht krankenversichert sind und somit große Hoffnungen in unser Projekt setzten. Für uns gab es kaum ein Durchkommen, da die auf uns wartende Menschenmenge das gesamte Krankenhausgelände bevölkerte. Die Patienten warteten mindestens so lange, wie unsere Anreise aus Deutschland dauerte, gemäß der Auskunft unseres „allzeit paraten“, hilfsbereiten Chefarztes Dr. Wattiez.

 

Durch den großen Patientenandrang wurde unser Einsatz von der paraguayanischen Bevölkerung sehr positiv wahrgenommen, so dass auch die Regierung unseren Einsatz mit breiter Öffentlichkeitsarbeit landesweit unterstützte.

 

Die beiden funktionsfähigen Operationssäle waren mit jeweils einem einfachen Narkosegerät ausgestattet, denen ein weiteres Jahr ohne Investition in Hygiene und technische Standards nicht zuträglich waren. Das von der Zentralregierung eigens für unseren Ersteinsatz 2010 bereitgestellte Narkosegerät war selbstverständlich wieder gegen ein Antikstück ausgetauscht worden, was unser 3-köpfiges Anästhesieteam für die nächsten 12 Tage vor respektwürdige Herausforderungen stellte. Während das anästhesiologische Team am ersten Tag beide Operationssäle „operationsflott“ machte, triagierte das chirurgische Team die ersten 100 wartenden Patienten nach dem Ampelverfahren „grün, gelb, rot“ hinsichtlich der Notwendigkeit der Eingriffe und erstellte OP-Pläne für beide OP-Säle an den folgenden Tagen. Wir begutachteten eine riesige Bandbreite an angeborenen und erworbenen Fehlbildungen im Gesicht, am Körperstamm und den Extremitäten. Sie reichte von schwersten Verbrennungsfolgen nach Explosionen und am offenen Feuer mit funktionellen Defiziten z.B. der Hände und entstellenden Narben bis hin zu katastrophal vorversorgten Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, wie sie uns in modernen Industrieländern aufgrund des hohen medizinischen Versorgungsniveaus in den seltensten Fällen begegnen.

 

Wir blicken mit Stolz auf 80 plastisch chirurgische und mund-, kiefer-, gesichtschirurgische operative Eingriffe bei Brandopfern, Anomalien der Nase, der Ohren, von Lippen, Kiefer und Gaumen und Fehlbildungen der Hände zurück. Postoperativ wurden die Patienten und ihre Angehörigen in ein Physiotherapiekonzept eingebunden, in welchem auch weitere Kontrakturpatienten krankengymnastisch angeleitet wurden.

 

Zusammengefasst entfielen 53 Vollnarkosen und größere Leitungsanästhesien auf 80 operative Eingriffe. Daraus ergeben sich ca. 7000 min Anästhesiezeit bei insgesamt 4500 min reiner Operationszeit ohne wesentliche Komplikationen. Das sind an 10 Tagen im Schnitt 12 Stunden Anästhesie plus Aufwachraumzeit plus Ausfallzeiten bei kaputtem Narkosegerät mit aktiver Beatmung mit dem Beatmungsbeutel durch die einzelnen Kollegen plus Lokalanästhesien.

 

Moderne Medien wie das Internet erleichterten uns nach unserer Rückkehr, die postoperativen Langzeitergebnisse zu verfolgen und fachliche Ratschläge zur Weiterbehandlung vor Ort abzugeben, um die Zusammenarbeit zu optimieren zugunsten unserer Patienten und zukünftiger Projekte vor Ort.

 

Durch den unermüdlichen Einsatz aller Beteiligten war dieser Zweiteinsatz ein voller Erfolg und die Basis für erfolgreiche Folgeprojekte. Die Mühen und die große emotionale Belastung wurden mit der Herzlichkeit der paraguayanischen Bevölkerung belohnt. Wir erlebten unvergessliche Momente der Freude, Rührung und Dankbarkeit. An einem Erholungstag im Rahmen des Bergfestes hatte unser Interplastteam die Möglichkeit, Indios mit ihren Schamanenritualen in ihren Tribes zu besuchen und auf einer Hacienda neue Kraft für die 2. Woche zu schöpfen. Dies stärkte nicht nur die Motivation, sondern ließ dieses gastfreundliche Volk noch wärmer und näher in unsere Herzen treten als es die unmittelbaren Patientenerfahrungen im Krankenhaus sowieso schon taten. Eine Erfahrung, die wir um Nichts in der Welt missen möchten und welche wir aus unseren inneren Festplatten abspeichern und in unseren Herzen tragen werden.

 

Unser Zweiteinsatz im größeren Team mit erweitertem chirurgischem und anästhesiologischem Spektrum ermöglichte es, die Fehlbildungen 3 Monate alter Säuglinge rechtzeitig behandeln zu können. Als Resümee bleibt: Neben mehr versorgten Patienten eine tiefe Motivation in unserem Team, aus Fehlern des Ersteinsatzes gelernt und das Spektrum für unsere Patienten vor Ort erweitert zu haben und die Vision des Hilfsprojektes im Kopf und Herzen zu tragen. Viele Hürden und unzählige schlaflose Nächte sind bis zum nächsten Folgeprojekt im November 2012 noch zu überwinden. Wie können neues Material und neue Medikamente beschafft werden? Wie können Sponsoren mittels Fundraising mobilisiert werden? Wie stellen wir unser nächstes Team zusammen? Das sind vielfältige, oft unsichtbare und notwendige Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, um das Gesicht unseres Projektes weiterzuentwickeln.

 

Die Kraft und das Glück, was viele unserer Patienten, die unter ärmlichsten Bedingungen leben, durch ihr Lachen und ihre Dankbarkeit vermitteln, was uns angesichts des Wohlstandes in Deutschland oft den Atem stocken lässt, geben uns immer wieder die Energie für die Fortsetzung unserer Projektvision.

 

An alle Teammitglieder, Sponsoren und Mitorganisationen im Hintergrund sei an dieser Stelle mein warmherziger Dank gerichtet.